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Kein Jahr, in dem das Bundeschampionat nicht Diskussionen auslöst (im Bild Sara Algotsson-Ostholt und Mrs. Medicott, Fotos Karl Lohrmann)

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Buschreiter-Report: Bundeschampionat 2010

Profis fordern höhere Standards für die Qualifikation

VON WOLF-DIETRICH NAHR

Das Bundeschampionat 2010 in Warendorf ist über die Bühne gegangen und alle Pferde stehen in heimischen – oder neuen – Ställen. Aber was das eben erst geänderte Reglement der Spitzenpferdeleistungsschau angeht, dürfte es vielleicht schon bald nochmals Überarbeitungen geben. Top-Reiter halten in Interviews mit buschreiter.de mit Kritik und Nachbesserungsvorschlägen nicht hinter den Berg. Die Hintergründe.

Mit einigen Tagen Abstand und Recherchen von buschreiter.de lassen sich folgende Tendenzen nachzeichnen:

Mehr Chancengleichheit?

1) Die wertungsfreie Einlaufprüfung erhält insgesamt eine positive Bewertung, was aber Änderungen im Kontext des gesamten Reglements nicht ausschließt. Die ursprüngliche Motivation, angebliche Wettbewerbsverzerrungen durch Trainingsmöglichkeiten für Kaderreiter und in und um Warendorf beheimatete Eventer auszugleichen, ist wohl teilweise eingelöst. Allerdings gibt es in dem Punkt einen gewissen Fatalismus, den Elmar Lesch gegenüber buschreiter.de so formuliert: "Machen wir uns nichts vor, wer in Warendorf stationiert ist, der trabt da zehnmal im Jahr rüber, eine echte Chancengleichheit ist nicht zu schaffen, aber dafür haben wir auch ein Zeit- und Notensystem."

Junge Pferde überfordert?

2) Offenbar gibt es bei Offiziellen und Reitern erhebliche Bedenken, ob die zusätzliche Einlaufprüfung samt Qualifikation, Dressur, Springen und Finale letztlich für die Youngster schlicht nicht zu viel ist. Das Championat in diesem Jahr hat gezeigt, dass praktisch niemand auf die komplette Einlaufprüfung verzichtet hat. Der Vorsitzende des DOKR-Vielseitigkeitsausschusses, Holger Heigel, schreibt auf seiner Website: "Man wird sehen, ob es weiterer Veränderungen im Hinblick auf die hohe Beanspruchung der jungen Pferde bedarf." (www.holgerheigel.de)

Verantwortung gefragt

3) Mehrere der Top-Reiter haben den nachhaltigen Eindruck gewonnen, dass vor allem bei den 5-Jährigen sowohl Reiter als auch Pferde von dem Niveau im Gelände schlicht überfordert gewesen sind. 2010 habe angesichts der hohen Anforderungen im Gelände und wegen des zusätzlichen Pensiums unterstrichen: Die Reiter und Pferdebesitzer haben die große Verantwortung, allem Ehrgeiz zum Trotz kühl zu überlegen, ob das Vermögen, der Trainingszustand, die Psyche und die Physis des jungen Pferdes eine Teilnahme am Bundeschampionat wirklich rechtfertigen.

Quali ohne regionales Gefälle

4) Die namhaften Interviewpartner von buschreiter.de haben übereinstimmend gefordert, dass bundesweit die Qualifikationsanforderungen in Geländepferdeprüfungen nachhaltig vereinheitlicht werden, um zu verhindern, dass Pferde und Reiter über viel zu leichte Events den Weg nach Warendorf finden.

Eine zweite Chance?

5) Mehrmals sind Stimmen laut geworden, wonach ein Paar – wie in der Vergangenheit – eine zweite Chance erhalten sollten, in Warendorf ins Finale zu gelangen oder sich zusätzlich zu bewähren.

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Andreas Brandt und Escarda (Foto Karl Lohrmann)

Hier Einzelstimmen von prominenten Championatsteilnehmern:

Michael Jung, designierter Mannschaftsreiter bei den Weltreiterspielen, empfindet das neue Reglement bei allen Vor- und Nachteilen unter dem Strich verglichen mit dem alten Modus besser. Die Einlaufrunde biete den Pferden eine sehr gute Gelegenheit, sich auf die Anforderungen einzustellen. "Der Druck ist von Anfang an nicht so groß, man kann mal etwas vorsichtiger hinreiten." Von einem insgesamt zu großen Pensum für die Pferde möchte Michael Jung nicht sprechen. Die Einlaufrunde sei ja eine relativ kurze Geländestrecke gewesen. Es hat seiner Ansicht nach wenig Sinn, Sprünge wegzulassen und das Cross nur ausschnittweise zu reiten. "Jeder Reiter muss so vernünftig sein und wissen, was er seinem Pferd abverlangen kann."

Turniersituation wie im richtigen Leben

Vor allem etliche der 6-Jährigen seien ja schon Ein-Sterne-Prüfungen gegangen, hätten sich teilweise für Le Lion qualifiziert und würden im nächsten Jahr schon mit Zwei-Sterne-Aufgaben konfrontiert. Jung: "Und schließlich muss man ja auch das Feld irgendwie auseinanderkriegen." Schließlich simuliere das Bundeschampionat schon einmal die Situation, mit der die künftigen Turnierpferde ständig konfrontiert würden: den Prüfungsstress, die Unruhe im Stallzelt, den fremden Boxennachbarn etc. Michael Jung: "Das gehört alles zum Turnier dazu."

Der Nachteil des neuen Modus aus der Sicht des WM-Reiters: "Es gibt für die Pferde nur eine Chance."

Kai Rüder, WM-Reservist, lobte die Einlaufprüfung, bei des es unter den 6-jährigen Pferden insgesamt sehr gute Leistungen gegeben habe. Das Cross habe durch seine Linienführung mit dem Coffin und dem Wasser zum Schluss einen guten Einlauf- und Trainingseffekt gehabt. Bei den 5-Jährigen rät Kai Rüder dazu, unter Umständen die Einlaufprüfung durch eine Besichtigung zu Pferde zu ersetzen. Er habe den Eindruck gehabt, dass die Paare auch an relativ einfachen Hindernissen zu viele Probleme gehabt hätten. Es stelle sich einfach die Frage nach der Championatsreife. Vielen Ein-Pferde-Reitern fehle es hier an der einschlägigen Erfahrung. Dieses Klientel solle man eben durch eine Besichtigung zu Pferde "eher bei Laune halten". Dies habe nebenbei den Vorteil, dass der Platz nicht zu sehr beansprucht werde.

Kleines Highlight

Das kleine Championatsfinale sei früher ein "Highlight" gewesen, was nun weggefallen sei. "Das ist ein Punkt, der für den alten Modus spricht", sagte Rüder im buschreiter-Interview. Es sei wichtig, dass ein Pferd nicht nur eine Runde in Warendorf absolviert.

Elmar Lesch/Rubinja (Foto Karl Lohrmann)

Elmar Lesch plädiert dafür, die neu eingeführte Einlaufprüfung entweder zu entschärfen und als reines Warming Up zu betrachten oder bei gehobenen Anforderungen mit einem Punktesystem in die Qualifikation einfließen zu lassen. "So ist das jedenfalls nicht der richtige Weg, die Pferde müssen eine zweite Chance haben, sich zu qualifizieren." Denkbar sei es, bei den 5-Jährigen jenes Warmup und bei den 6-Jährigen den alten Modus vorzusehen. Jedenfalls redet der Profi einer "kleinen Trostrunde und dem kleinen Finale" das Wort.

"Sonst gibt es eine Ohrfeige"

Unabhängig vom Reglement beim eigentlichen Bundeschampionat fordert Lesch, dass eine Qualifikation nur durch einheitliche Anforderungen ohne regionales Gefälle möglich sein soll, bis hin zu vorgegebenen Hindernishöhen und Hindernistypen im Cross. Lesch: "Es ist keine Frage, dass man das standardisieren kann." Jedenfalls müsse das Niveau der Qualifikations-Geländepferdeprüfungen angehoben werden. "Die Pferde kriegen sonst eine Ohrfeige, die Pferde und die Reiter sind sonst in Warendorf überfordert", warnt Elmar Lesch. Er begrüßte es ausdrücklich, dass die Richter beim Championat in einem Fall wegen gefährlichen Reitens eingegriffen hätten.

PC Bild  Bettina  Hoy und  Designer  ZRFV Altenrheine   2 Platz  6 Jährige Buschpferde  1

Bettina Hoy/Designer (Foto Karl Lohrmann)

Dirk Schrade, ebenfalls nominierter EM-Reiter, erteilte den Championatsmodus grundsätzlich gute Noten. Die kurze, wenig belastende Einlaufprüfung sei im Prinzip zu begrüßen. Gleichzeitig störte sich Schrade daran, dass es eben nur eine Chance zur Qualifikation fürs Finale gebe. Gleichwohl bilanzierte er, das am Ende die richtigen Pferde in die Endrunde um das Bndeschampionat gelangt seien.

"Einige gehörten da nicht hin"

Für die 5-Jährigen sei das Gesamtpenbsum "schon an der Grenze" gewesen. In dem Alter seien einige Vierbeiner "noch nicht fertig". Jeder müsse sich ganz ehrlich die Frage beantworten, ob das Pferd psychisch und physisch reif sei für das Bundeschampionat, ob die systematische Vorbereitung den Anforderungen angemessen gewesen sei. Mit Blick auf die rund 70 vorgestellten Vielseitigkeitspferde habe sich am ersten Tag deutlich gezeigt, dass "da einige noch nicht hingehört haben". Schrade: "Die Belastung ist zu vertreten, wenn das Pferd genügend darauf vorbereitet worden ist."

Auch Dirk Schrade plädierte dafür, eine Qualifikation nur über "gute Geländepferdeprüfungen" möglich zu machen. "Der Standard muss besser werden, es müssen reelle Geländepferdeprüfungen sein, und nicht ein besserer E-Stilgeländeritt."

Künftige Championatspferde?

Der Championatsreiter hat überdies registriert, dass 2010 nur wenige Pferde mit "Blutanschluss" vorne platziert gewesen sind und der Warmbluttyp auffällig gut abgeschnitten hat. Gefördert und prämiert würden hier Pferde, die letztlich für Amateure und ambitionierte Junioren und Junge Reiter einen "ganz großen Job machen". Schrade: "Aber was ist in vier, fünf Jahren, wenn das Gelände zehn Minuten länger ist, wenn es am Ende um Championats- und Vier-Sterne-Anforderungen geht. Werden das die zukünftigen Championatspferde sein? Wohl eher nicht."

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Pia Münker/Louis M (Foto Karl Lohrmann)

Lesermeinungen

Trainingswochenende anbieten

Mein Vorschlag zur Vereinheitlichung der Qualifikationsprüfungen ist folgender. Wie bei den Springpferden auch, sollten nur noch Geländepferdeprüfungen als Qualifikation gelten, die in größere Veranstaltungen wie z.B. VL oder CIC* eingebunden sind. Und genau so ist mit VA Prüfungen zu verfahren. Als Qualifikation zählt dann nur noch eine VA oder Geländepferdeprüfung, die z. B. im Rahmen einer Veranstaltung wie Kreuth, Mertingen, Altensteig, Salgen etc. stattfinden.

Ich glaube allerdings, daß sich die Problematik nur bei den 5-Jährigen stellt. Wie Michael Jung sagte, sind die 6-Jährigen zum Teil schon im 1- Stern-Niveau unterwegs und sicherlich nicht so überrascht von den an sie gestellten Anforderungen wie die jüngeren Pferde.

Allerdings fände ich es gut, wenn für die 5- Jährigen ca. 4-6 Wochen vor dem Championat ein Trainingswochenende angeboten würde, zu dem alle eingeladen werden, die zu dem Zeitpunkt mindestens 2 Qualifikationen haben. Diejenigen Reiter, denen es wirklich wichtig ist, werden sicher nach WAF fahren.

Marisa Schädler

 

Gesundheit und Belastbarkeit

Das europaweit gezogene Sportpferd, welches noch mit den Bränden von Landeszuchten versehen ist, stellt junge Pferde auch für die jetzigen Anforderungen des Vielseitigkeitssportes zur Verfügung. Die Pferde, welche auf die Championate im jetzigen Busch vorbereitet werden, müssen nur bei den Züchtern vor den Dressur- und Springreitern gesichert werden.

Nach einer verpatzten Dressur, ist die Gesamtprüfung einer Vielseitigkeit gelaufen. Vor dem übertriebenen Blutanteil steht die Gesundheit und Kopfbelastung des Pferdes.

Aufzucht-Bedingungen beim Züchter geben Rückschlüsse für zukünftige Verwendungsmöglichkeiten. Das bildhübsche, blutgeprägte, mit besten Abstammungen versehene drei- bis fünfjährige Pferd, das nur im Auslauf und Stall aufgewachsen ist, sollte dem normal angerittenen jungen Koppelpferd auch mit weniger Blutanteilen auf Dauer immer untererlegen sein.

Natürlich entscheidet dann auch der Ausbilder und/oder auch künftige Reiter, ob er die optimalen Vorraussetzungen des zukünftigen Championate-Pferdes über die entsprechenden Jahre der Ausbildung bringt. Der junge Kracher läuft keinem Championate-Reiter hinterher. Wer nur reiten kann und mehr nicht beherrscht, sitzt selten auf dem richtigen Pferd. Wer aber auf zukünftige Entscheidungen der FEI hofft, um dann das richtige Pferd für die Zukunft im Buschreiten zu haben, sollte die richtige Glaskugel besitzen und glauben, dass seine Wünsche eintreten.

Karl Lohrmann

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