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Neue Hengstleistungsprüfung:

"Das System führt sich ad absurdum"

VON MELITTA BURGER

„Wir müssen leider draußen bleiben“. Das gilt bei der FN auch weiterhin für den gesamten Bereich Vielseitigkeit im Rahmen der Zuchtwertschätzung. Obwohl der Vorschlag bei der jüngsten Sitzung der FN mit den Zuchtleitern und Vorsitzenden der angeschlossenen Zuchtverbände auf dem Tisch lag, wurde er erst mal verschoben. buschreiter.de hatte ausführlich über die neue Bewertung der Zuchthengste und die besonderen Auswirkungen auf die Vielseitigkeit berichtet: Hier nachlesen

Inzwischen spricht zwar niemand mehr davon, es gebe aus der Vielseitigkeit einfach zu wenige Daten, um zu rechnen. Aber dafür greift jetzt ein anderes Argument: Es gibt dringlicheres und in Zeiten immer knapper werdender Mittel werde das Geld für das Anlegen der entsprechenden Datenbank und ihre Auswertung anderweitig benötigt.

"Verwandtenzuchtwert steht nicht zur Diskussion"

Und auch der zweite große Komplex, der einer großen Zahl von Züchtern gar nicht gefällt, wird mindestens vorerst keine Veränderung erfahren: Der Verwandtenzuchtwert, der seit Anfang 2011 das HLP-Ergebnis entscheidend mitbestimmt, bleibt bestehen. „Der Verwandtenzuchtwert steht nicht zur Diskussion“, sagt Dr. Klaus Miesner, Geschäftsführer des FN-Bereichs Zucht, mit Nachdruck.

Blutpferde im Abseits

Derweilen formiert sich im Züchterlager immer mehr Widerstand gegen die neu strukturierte HLP, die im Grund alle Pferde ohne „berühmte“ deutsche Ahnen, vor allem aber die Blutpferde, ins Abseits stellt.

Thomas Casper vom Birkhof, auf dem einst Heraldik xx stationiert war, hat seinen neu geschaffenen Sitz als Vertreter der deutschen Hengsthalter im FN-Gremium nach Kräften genutzt. Auch die Hengsthalter sind mehrheitlich dagegen, den Ahnenzuchtwert als prüfungsentscheidendes Kriterium in der HLP zu führen.

"Eine sehr gute Diskussion"

Am Tag vor der Sitzung bei der FN hat der Verein in Münster getagt. Dabei musste sich die Mannschaft um Dr. Miesner einige Kritik anhören. „Wir hatten eine sehr gute Diskussion“, berichtet Thomas Casper und kündigt an, dass die Hengsthalter sich künftig mehr ins Geschehen einbringen wollen. Nicht nur die „Kleinen“, auch viele große Hengsthalter haben sich deutlich gegen den Verwandtenzuchtwert ausgesprochen, der in den Prüfungen dieses Jahres so manch bizarres Ergebnis hervorbrachte.

Stahlkorsett aufgezwängt

„Operation gelungen, Patient tot“, konstatiert Claus Schridde in einem höchst kritischen Artikel zu diesem Thema in der Zeitschrift „Züchterforum“. Seine Feststellung: „Wenn ein Pferd trotz guter Leistung keinen positiven Zuchtwert erzielen kann, dann ist das neue System schon jetzt ad absurdum geführt.“ Die FN habe dem HLP-System eine Art Stahlkorsett aufgezwängt, das nicht funktioniere und stark nachgebessert werden müsse.

Zu viele Unsicherheiten

Thomas Casper vertritt eine Meinung, die – fragte man die Züchter statt Funktionäre – wohl auf Anhieb mehrheitsfähig würde: „Die absoluten Noten müssen in den Vordergrund, weil es im Verwandtenzuchtwert zu viele Unsicherheiten gibt, vor allem auch im Hinblick auf blutgeprägte Pferde.“ Der Vorsitzende des Hengsthalterverbandes beklagt, dass es zunehmend um Zahlen geht: „Dabei wird vergessen, dass die Bedeutung der deutschen Zucht über das Feeling der Züchter gekommen ist.“

Niemand wagt ein offenes Nein

Die Verantwortlichen bei FN und den Verbänden tun sich derzeit noch schwer einzusehen, dass ihre über drei Jahre entwickelte Reform dringend einer Reform bedarf, kaum dass sie an den Start gegangen ist. Hinter vorgehaltener Hand geben selbst etliche Vertreter dieses Zuchtgremiums der FN durchaus zu, dass sie es am liebsten sähen, der Verwandtenzuchtwert verschwände möglichst schnell von dieser so prominenten Position. Doch ein offenes Nein wagt momentan kaum einer.

Verheißungsvolle Hengste chancenlos

Die Hannoveraner waren es, die für ihre Hengste die Messlatte sehr hoch und für Hengste aus anderen Populationen noch viel höher gelegt haben. Ein kombinierter Wert von 110 (für Pferde mit Hannoveraner Papieren 100) aus den Kriterien Dressur und Springen ist nicht nur für Blüter und Edelpferde praktisch nicht zu erreichen. Zu Recht fürchten Hengsthalter wie auch einige Verbände, dass ohne auch nur den Hauch einer Chance auf Anerkennung im größten deutschen Zuchtgebiet verheißungsvolle Hengste aus zahlreichen Linien chancenlos bleiben und sich der Einsatz von Blut in der Zucht durch diese Restriktionen bald gar nicht mehr lohnt.

"Behindertenausweis für Pferde"

„Bei den Blutpferden ist zu reagieren. Das ist keine Frage“, räumt auch Dr. Miesner ein und spricht von einer gesonderten Behandlung. „Das ist nichts anderes als ein Behindertenausweis für unsere Pferde“, kontern die ersten Züchter. In der Tat: Setzt sich der Verwandtenzuchtwert als prüfungsentscheidendes Element der HLP tatsächlich durch, wird wohl auch ein jetzt neu in die Diskussion eingebrachter „Sonderfaktor für Edelpferde“ die Lust auf Bluteinsatz nicht vergrößern können.

Macht das Gelände die Pferde kaputt?

Bei der HLP, sagt Dr. Miesner, handle es sich im Grunde um eine Reitpferdeprüfung für die klassischen Sparten Dressur und Springen. Große Gestüte hätten schon mehrfach gefordert, den Geländeteil aus der HLP zu nehmen, weil der ihre Pferde kaputt mache. Zudem komme die Vielseitigkeit jetzt erst langsam bei Verkäufen mal in den sechsstelligen Bereich.

"Im Moment haben wir nichts anderes"

Züchter aus dieser Sparte seien auch bisher nicht im Schlaraffenland gewesen und wer passioniert für die Vielseitigkeit züchten wolle, der werde wohl auch weiterhin einige Erschwernisse auf sich nehmen müssen. „Ich sage nicht, dass das richtig ist, aber im Moment haben wir es nicht anders.“ Blut, betont der Geschäftsführer des FN-Bereichs Zucht, sei in allen Verbänden gewünscht und nötig, aber es sei nun einmal schwierig einzusetzen. „So ein Hengst ist ein Risiko.“

Eine Stiftung Warentest?

Was nun weiter aus der neuen HLP-Ordnung werde, liege am Ende allein bei den Verbänden. Die machten jetzt ihre Hausaufgaben, und sicher werde das eine oder andere noch überdacht, ist sich Miesner sicher. Einfluss auf die Frage, welcher Verband welche Noten und welchen Zuchtwert für das Bestehen der Prüfung festlegt, habe er allerdings nicht. „Jeder Zuchtverband soll mit dem Willen seiner Züchter nun etwas draus machen.“ Die FN habe mit der Bereitstellung sehr vieler Daten so etwas wie eine Stiftung Warentest geschaffen, die umfangreiches Wissen ohne eine Bewertung zur Verfügung stelle. Jetzt liege es an den Verbänden, zu sagen, was davon gut für sie ist oder nicht.

Wer fragt die Züchter?

Was für sie gut ist oder nicht, danach sollten jetzt endlich einmal die Züchter gefragt werden. Denn die hatten auch nach dem ersten Jahr der neuen Regelung noch keine Stimme, noch nicht einmal ausreichende Informationen. Was die Züchter heute über die Auswirkungen der neuen HLP wissen, das haben sie im Detail weder von ihren Verbänden erfahren, noch von der FN, sondern mussten ihre teils bitteren Lehren aus praktischer, schmerzhafter Erfahrung ziehen.

So berichtete buschreiter.de bisher: Vielseitigkeit einfach ausgeklammert

Anmerkung der Redaktion: Wer fragt die Züchter? buschreiter.de tut es hiermit und stellt gleichzeitig angesichts der Nicht-Reaktionen erstaunt fest, dass das Thema einerseits in Fachkreisen heftig diskutiert wird, andererseits die wenigsten Betroffenen die Courage haben, sich öffentlich dazu zu äußern. Wer hat hier was von wem zu befürchten? buschreiter.de stellt sich ausdrücklich als Diskussionsforum zur Verfügung.

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