Neue Hengstleistungsprüfung:
Vielseitigkeit einfach ausgeklammert
VON MELITTA BURGER
Bei der neuen Hengstleistungsprüfung (HLP) schauen Vielseitigkeitsvererber grundsätzlich in die Röhre. Ausgerechnet im Land der Welt-, Europameister und Olympiasieger in der Vielseitigkeit geraten Pferde mit Erfolgen in der Königsdisziplin völlig ins Hintertreffen. buschreiter.de hat die Hintergründe.
Seit diesem Jahr ist die HLP nach dem Rückzug des Staates in der Hand der FN. Die hat – gemeinsam mit den ihr angeschlossenen 25 deutschen Pferdezuchtverbänden - die Prüfung neu geordnet.
Zusammen mit den im Lauf der Prüfung erworbenen Noten werden die jungen Hengste jetzt statt des abgeschafften Index mit einer Zuchtwertschätzung ausgestattet, die zum einen über die eigene Leistung in der Prüfung, zum anderen aber sehr wesentlich über den Verwandtenzuchtwert ermittelt wird. Die Zahl, die für den Zuchtwert ausgewiesen wird, spielt eine ganz entscheidende Rolle bei der Frage, ob ein Hengst seine Prüfung bestanden hat oder nicht. Die Verbände haben dafür Werte zwischen 80 und bis zu 120 als Mindestgrenze festgelegt.
Nicht wenig umstritten
Eine ohnedies heikle Sache, spielen doch Umwelteinflüsse eine sehr große Rolle und Vererblichkeit bestimmter Eigenschaften eine eher kleine. Die Zuchtwertschätzung ist daher bei Züchtern wie studierten Tierzuchtexperten allgemein durchaus nicht wenig umstritten.
Auf die Vielseitigkeit allerdings hat die neue Prüfungsordnung geradezu fatale Auswirkungen. Sportliche Leistungen in dieser olympischen Sparte der Reiterei fließen nämlich weder über die Vererber selbst noch über ihre Nachkommen in die Zuchtwertschätzung ein. Diese Sparte des Sports wird bisher bei der Ermittlung eines Zuchtwerts NICHT berücksichtigt.
Das hat fatale Auswirkungen.
Jeder kennt den großartigen VS-Vererber Heraldik xx. 923 eingetragene Sportpferde weist das Jahrbuch Zucht und Sport der FN 2010 für Heraldik xx aus. 260 Nachkommen dieses Hengstes waren im Sportjahr 2010 erfolgreich. Stolze Zahlen, die manch anderer Hengst nicht einmal im Ansatz erreicht.
Gewaltige Summe
Die Nachkommen-Lebensgewinnsumme dieser in Deutschland eingetragenen Nachkommen Heraldiks beträgt 738.062 Euro. Im Jahr 2010 haben Heraldiks Söhne und Töchter 225.980 Euro eingelaufen. Eine gewaltige Summe, wenn man dazu noch bedenkt, dass in der Vielseitigkeit die Preisgelder meist eher bescheiden sind.
Doch nicht nur im Sport, sondern auch in der Zucht hat dieser großartige Vollblüter höchst erfolgreich gewirkt: 16 gekörte Söhne und 354 eingetragene Zuchtstuten, darunter 23 Prämienstuten, weist das Jahrbuch für ihn aus.
Gleich dreimal Pech
Leider hat Heraldik, was seinen eigenen Zuchtwert betrifft und daraus resultierend natürlich auch den, den er an seine Kinder weitergeben kann, gleich dreimal Pech:
1) Heraldik hat vor allem in der Vielseitigkeit gewirkt. 74 seiner 260 im vergangenen Jahr erfolgreichen Nachkommen (darunter Namen wie Euroridings Butts Leon, FRH Butts Abraxxas oder auch TSF Karascada M) haben ihre insgesamt stolzen 249 Platzierungen mit 164.399 Euro Gewinnsumme in der Vielseitigkeit erzielt. Das alles zählt null. Lediglich die Erfolge in Dressur und Springen werden gewertet. Da liegen aber nicht die Stärken dieses Vererbers.
2) Heraldik ist Vollblüter. Deren Ahnenleistungen liegen in der Regel auch nicht im klassischen Reitsport. Daher bringen sie nichts ein in diese Zuchtwertschätzung – und mögen sie allesamt mehrfache Derbysieger gewesen sein.
3) Heraldik ist „Ausländer“. Das ist gleich nochmal schlecht, denn sollten zum Beispiel seine Vorfahren Erfolge im klassischen Sport gehabt haben, so zählt auch das wieder nicht (wie auch Erfolge seiner Nachfahren, die im Ausland stationiert sind, nicht zählen, da könnten sie alle Weltmeister sein, es hilft nichts).
Und nun zum Zuchtwert selbst:
Für Heraldik ist im Bereich Dressur ein bescheidener Gesamt-Zuchtwert von 93 ausgewiesen. Auch im Springen kommt der Hengst auf nicht mehr als 99 und liegt damit in beiden Bereichen noch unter dem „geschenkten“ Schätzwert, den die HLP-Verantwortlichen den Blütern als Basis-Rechenwert zuschreiben.
Züchten mit dem Rechenstift
Fazit: Einen Hengst wie Heraldik im Pedigree zu haben, mag gut sein für den (Vielseitigkeits)Sport. Für die Zucht, so wie es diese neue HLP-Ordnung suggeriert, taugt er offenbar wenig. Noch weniger, wenn die Züchter erst einmal begriffen haben, dass es künftig darum gehen wird, mit Pferden zu züchten, die einen hohen Verwandten-Zuchtwert mitbringen.
Schon jetzt sind Hengstaufzüchter dabei, Pedigree-Zuchtwertlisten zusammenzustellen. Wer will schließlich einen Hengst aufziehen, und sei er selbst noch so vielversprechend, wenn er später bei der HLP gar keine echte Chance haben kann, einen beachtenswerten Erfolg zu erzielen. Das hat schließlich unmittelbare Einflüsse auf den Preis und auch unmittelbare Auswirkungen auf den ohnedies in Deutschland schon nicht üppigen Einsatz von Blut in der Zucht.
Spitzenwert von 150
Mit Werten von unter 100 haben Hengste noch nicht einmal nach den Vorstellungen mancher Landeszuchten ihre Prüfung bestanden. Das Deutsche Sportpferd zum Beispiel stellt sich gar mindestens 120 vor.
Ein ZW von 120 ist übrigens bei weitem nicht das „Glanzvollste“, was ein Hengst bieten kann. Das geht weit höher.
Der Trakehner Herzensdieb zum Beispiel, geboren im Jahr 2003, bringt es im Jahrbuch Zucht und Sport der FN 2010 auf einen wirklichen Spitzenwert von 150 in der Dressur. Seine eigene Lebensgewinnsumme: 715 Euro. 12 Nachkommen hat der Hengst im Sport, 5 davon waren 2010 erfolgreich und errangen 10 Platzierungen. Die Nachkommen-Gewinnsumme von Herzensdieb: 300 Euro. In der Zucht sind von ihm 2 gekörte Söhne und 18 Stuten, davon 1 Staatsprämienstute.
Der ebenfalls 2003 geborene und beim Deutschen Sportpferd gekörte Quaterback bringt es auf einen Gesamt-Zuchtwert Dressur von 141. Seine Leistungsdaten: Lebensgewinnsumme 900 Euro, Jahresgewinnsumme 2010 159 Euro. 11 eingetragene Sportnachkommen zählen für Quaterback, 5 davon erfolgreich 2010. Ihre Nachkommengewinnsumme bei insgesamt 13 Platzierungen: 423 Euro. Sechs gekörte Söhne stehen für Quaterback im Jahrbuch, 7 eingetragene Stuten, davon 2 mit Staatsprämie.
Geborene Zuchtwertvernichter
Natürlich bekommt man, fragt man nach, die Antwort, dass es für Blüter eigene „Regeln“ geben soll. Sie lauten: Man wird sich ein solches Pferd individuell ansehen und dann unabhängig von Zuchtwerten im Einzelfall anerkennen. Das wird aber aus oben schon genannten Vermarktungsaspekten nicht einfach, soll ein solches Pferd auch eingesetzt werden. Wer „verdirbt“ schon die guten Zahlen seiner „konsolidiert gezogenen“ Stute mit einem „geborenen Zuchtwertvernichter“?
"Vitamin B" ist wichtig
Diese „individuelle“ Prüfung öffnet Türen, die man eigentlich durch die neue HLP schließen wollte. „Vitamin B“ wird in Zukunft noch wichtiger sein als je zuvor. „Große Namen“ werden es leichter haben, einen Blüter anerkannt zu bekommen. „Kleine Namen“ noch schwerer.
Wo hier die Logik liegt und vor allem, wie diese neue Regelung die Zucht nach vorne bringt, erschließt sich dem normalen Züchter nur schwer.
Was aber jeder begreift:
Wer in der Zucht auf die Vielseitigkeit setzt, hat es künftig wohl noch schwerer. Wer Blut einsetzt, braucht ein Wunderpferd, will er auch nur eine theoretische Chance haben, nach vorne zu kommen.
Zucht ist mehr als Mathematik
Man kann nur hoffen, dass sich die Verantwortlichen nach der Auswertung der ersten Prüfungen nach der neuen Ordnung an erhebliche Korrekturen heranwagen und nachbessern. Mit Mathematik allein kann man nicht züchten. Und die Zuchtwertschätzung ist noch nicht einmal das, auch wenn sie mit komplizierten Rechengängen ermittelt wird. Sie ist, wie der Name schon sagt, eine Schätzung. Und noch dazu eine, die meint, gleich auf eine ganze olympische Sparte völlig verzichten zu können.
Die Autorin ist ausgebildete Journalistin und Trakehner-Züchterin in Neudrossenfeld in Bayern.
Ihre Meinung zum Thema?
Leserreaktionen
buschreiter.de: Hier erfahren Sie, was andere Medien verschweigen!
|